Seminararbeit in der Oberstufe: Ultimative Gegnerin oder beste Freundin?
- Kian Kramps
- 17. Feb.
- 6 Min. Lesezeit

Aufsätze! Der ständige Begleiter aller Schüler:innen. Anstatt schnell ein paar Aufgaben abzuarbeiten, musst du richtig kreativ werden. Und das Ganze auf 10-15 Seiten Text! Klingt nach einem Albtraum, den jede:r Oberstufler:in in Bayern und teils auch in Hessen und Berlin durchleben muss. Du wohnst nicht in diesen Bundesländern? Glück gehabt! Oder vielleicht doch nicht - denn früher oder später müssen (fast) alle in der Arbeitswelt ähnliche, umfangreiche Texte schreiben.
Doch was genau versteht man unter einer “Seminararbeit”?
Im bayerischen Schulsystem ist sie ein für die Abiturnote relevanter Aufsatz, welcher Schüler:innen Recherche und akademisches Schreiben näherbringen soll. Auch später in der Uni trifft man auf “die großen Geschwister” der Seminararbeit in Form von Haus-, Bachelor-, Masterarbeiten… Das Ziel ist immer dasselbe: sich intensiv mit einer - in der Regel selbst gewählten - Themenstellung zu befassen und diese verständlich, strukturiert und umfassend darzustellen. Eine perfekte Möglichkeit, um zu beweisen, dass du gründlich und wissenschaftlich arbeiten kannst!
Dein Step-by-Step Guide:
Doch keine Angst: Du musst dich nicht unvorbereitet und allein der für einige “ultimativen Herausforderung” stellen. Denn hier ist dein roter Faden für die Herangehensweise, mit dem du Schritt für Schritt ans Ziel gelangst:
1) Themenfindung
Der erste und wichtigste Schritt: Wähle ein Thema, das dich wirklich interessiert! Das kann deine Seminararbeit schnell zu deiner “besten Freundin” machen! Normalerweise sind bei der Themenfindung nur wenige Grenzen gesetzt. Natürlich musst du im Rahmen deines Seminar-Schwerpunktes bleiben - aber hoffentlich hast du hier schon die richtige Wahl getroffen…
Achte ebenfalls darauf, dass dein Thema ausreichend ergiebig ist. Das heißt: Es sollte genug seriöse Literatur zur Verfügung stehen. Vermeide deshalb die neuesten “Modethemen”, zu denen es noch kaum Literatur oder Forschungsergebnisse gibt. Halte jedoch dein Arbeitsthema nicht zu allgemein, lieber etwas eingegrenzt und klar formuliert, aber auch nicht zu eng gefasst. Du solltest selbst wissen, was zu deinem Thema dazugehört und was nicht mehr relevant ist. Finde das richtige Gleichgewicht, damit du nicht unter einer Flut von Quellen und Informationen begraben wirst, aber noch genug Material hast, um etwas Interessantes zu schreiben.
2) Recherche
In der Schule wird von dir erwartet, mit Quellen zu arbeiten, um Übung bei Materialfindung und -verarbeitung zu bekommen. Dabei kann theoretisch alles herangezogen werden, vom Kinderbuch bis zu nobelpreisgekrönten Arbeiten (sofern es nicht anders geregelt ist). Für ein bestmögliches Ergebnis sind jedoch seriöse und qualitative Quellen von Vorteil. Wissenschaftliche Literatur findest du zum Beispiel in Uni-Bibliotheken oder der Nationalbibliothek, in Datenbanken von Verlagen (wie Thieme, Elsevier etc.) oder, wenn nötig, im Internet (achte hier besonders auf Fact-Checks!).
Es empfiehlt sich, systematisch vorzugehen. Zum Beispiel könntest du von allgemeineren Texten zu spezielleren, auf deine Themenfrage bezogenen Texten übergehen. Schreibst du zum Beispiel über die "Auswirkungen des anthropogenen Klimawandels in Bali", ist es ratsam, zuerst Literatur über den Klimawandel und dessen Auswirkungen sowie menschengemachte Ursachen zu suchen und später auf das spezifische Fallbeispiel Bali einzugehen. Vergiss nicht, alle wichtigen Informationen und deren Quellen sorgfältig zu notieren. Dies wird dir beim Schreiben und Zitieren immens helfen.
3) Schreibphase
Jetzt kommt der größte und "ultimative" Teil - das Schreiben. Hier gilt: Nicht einfach losschreiben, sondern deine Quellen kombinieren und eine Struktur der Arbeit entwerfen, Stichworte "Gliederung" und "Schreibplan".
Dabei solltest du darauf achten, dass dein Text alle Materialien schlüssig und logisch vereint und nachvollziehbar deine Thematik behandelt. Falls währenddessen Unschlüssigkeiten/ Fragen aufkommen sollten, notiere sie dir am besten. Diese klären sich normalerweise im weiteren Schreibprozess.
Nach deinem Inhaltsverzeichnis, was du lieber im Nachhinein erstellst, da sich die Reihenfolge während des Schreibens noch ändern kann, ist der erste Teil die Einleitung. Sie dient zur Einführung in dein Arbeitsthema und umfasst etwa 10% deines Textes. Aufgebaut ist sie z.B. aus einem einleitenden Gedanken (Aktualitätsbezug, allgemeine Problematik, etc.), gefolgt von einer klaren Formulierung deines Themas - etwa in Form einer Fragestellung. Abschließend kann ein Ausblick auf die Arbeit gegeben werden, der den Aufbau, Methoden und Zielsetzungen erläutert.
Nach der Einleitung kommt der Hauptteil, mit etwa 80% das wichtigste Stück deiner Seminararbeit. Auch dieser sollte eine gegliederte Anordnung haben. Sie kann folgendermaßen aussehen:
- Erklärung der Themenfrage und theoretischer Grundlagen/ wichtiger Fachbegriffe als Basis
- Untersuchung der Fragestellung, d.h. genauere Auslegung oder Differenzierung dieser aufgrund von Mehrdeutigkeit, Präsentation von Experimenten, …
- Erkenntnisgewinnung aus Versuchen, Antwortfindung auf zentrale Thematik, Darlegen von Argumenten, die für bzw. gegen deine Fragestellung sprechen, und Abwägung dieser
- Kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Ergebnissen (durch Formulierung möglicher Einschränkungen oder Vergleich mit Studien)
Um die große Schreibarbeit abzuschließen, fehlt jetzt noch ein Fazit und evtl. eine Schlusspassage (ca. 10%). Hier fasst du deine Ergebnisse knapp zusammen, evaluierst diese und entscheidest, inwiefern deine Thematik bzw. Fragestellung beantwortet oder bewiesen werden kann. Den Schluss kannst du wie in einem "normalen Deutsch-Aufsatz" gestalten, also mit Rückbezug zur Einleitung, Ausblick in die Zukunft etc.
Vergiss auch nicht dein Literaturverzeichnis mit deinen Quellen, das alphabetisch oder chronologisch (in der Reihenfolge, wie sie erschienen sind) angeordnet sein kann. Solltest du größere Abbildungen bzw. Tabellen haben, kann ein Anhang praktisch sein. Hier kommen dann gegebenenfalls auch Interviewprotokolle oder Umfragebögen rein; auf den Anhang solltest du im Text verweisen! In der Regel musst du am Ende eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass du die Arbeit ohne fremde Hilfe geschrieben hast (diese letzten Teile werden normalerweise von deiner Schule vorgeschrieben).
4) Überarbeitung
Nachdem du deinen Text nun einmal geschrieben hast, ist es von großer Bedeutung, diesen zu überprüfen. Dies machst du aber lieber nach etwas Zeit, um deine Arbeit mit "neuen Augen und Gedanken zu sehen". Punkte auf die du bei deiner Überarbeitung achten kannst sind:
- wissenschaftlicher Schreibstil/ korrekte Fachbegriffe (keine Umgangssprache)
- schlüssige Gedankenführung und klarer, präziser Text ohne Füllwörter, unnötig komplizierte Schachtelsätze oder Übertreibungen
- keine Grammatik- und Rechtschreibfehler, außerdem richtige Schreibweise von Zahlen (alles bis zwölf wird ausgeschrieben, erst ab 13 als Zahl!) etc.
Problematisch können auch Plagiate sein, d.h. alles was du Quellen entnommen hast, muss auch so gekennzeichnet sein!
5) Formale Anforderungen
Hier hat jede Schule bestimmte Vorgaben, z.B. zur Randdicke, Schriftgröße oder -art. Auch wie du deine Quellen angibst bzw. zitierst oder dein Literaturverzeichnis formatierst, wird dir mitgeteilt. Nicht zu vergessen ist außerdem ein Deckblatt, natürlich mit deinen Daten!
Kleiner Tipp: Es ist empfehlenswert, diese Formatierungsvorgaben bereits am Anfang des Schreibprozesses anzupassen. Dadurch siehst du, wie viel Text du schon hast und kannst direkt deine Grafiken einfügen, ohne Angst zu haben, dass durch eine spätere Bearbeitung der Formatierung alles verschoben wird.
Am Ende aber unbedingt auch noch einmal die Anforderungen überprüfen; denn auch sie fließen in die Bewertung ein!
Alles formal korrekt und nochmal durchgelesen? Dann kommt der beste Schritt:
6) Abgeben (am besten pünktlich, sonst gibt es keine Abiturzulassung)
Jedoch kann dir natürlich kein Step-for-Step-Guide eine erfolgreiche Arbeit garantieren. Deswegen hier noch ein paar Tipps:
Zuerst der offensichtlichste von allen: Fang früh genug an! Ist das eigentlich nicht klar? Anscheinend nicht, denn erfahrungsgemäß fängt ein nicht gerade kleiner Teil der Schüler:innen erst eine Woche vor Abgabe (in Bayern i.d.R. die Woche der Herbstferien) mit der Arbeit an. Dieses Phänomen gibt es bei Studierenden übrigens auch.
Doch dann wird es nichts, denn man braucht genügend Zeit, um mit plötzlichen Unklarheiten bzw. Blackouts klarzukommen oder um die Arbeit kurz beiseite legen und nachkorrigieren zu können. Deshalb empfiehlt es sich, etwa sechs Monate vor dem Abgabetermin mit der Arbeit anzufangen. Wenn deine Arbeit auch aus einem praktischen Teil (z.B. Versuchen) bestehen sollte, rate ich dir, dich mindestens neun Monate vorher deiner Seminararbeit zu widmen. Versuche dann auch regelmäßig und konsequent zu arbeiten und nichts aufzuschieben, um stetig Fortschritte zu machen und dir Pausen gönnen zu können (besser für die Psyche!). Auch hast du dann noch Zeit, dir vor Abgabe Feedback von Lehrkräften, Mitschüler:innen oder Verwandten zu holen!
Auch der zweite Tipp sollte eigentlich selbstverständlich sein: Arbeite immer gründlich, d.h. beispielsweise schreibe dir sorgfältig alle Quellen auf. Bei längerer Recherche neigt man schnell dazu, nur wichtige Informationen rauszuschreiben. Später beim Erstellen eines Literaturverzeichnisses fehlen dann aber plötzlich alle Quellen und man darf sich die gleiche Recherchearbeit nochmal machen. Deswegen lieber gleich alle Informationen und Verweise notieren und sortieren.
Wenn wir schon bei der Informationssuche sind: ich empfehle euch auch, v.a. in den naturwissenschaftlichen Seminaren - falls möglich - nach fremdsprachigen (u.a. englischen) Texten zu suchen. Oft findet man helfende Ergebnisse oder Denkansätze, die auf Deutsch noch nicht veröffentlicht wurden. Außerdem lohnt es sich immer, in das Literaturverzeichnis deiner Erstquellen zu schauen. So kannst du im Zweifelsfall deine Werkauswahl wiederum deutlich erweitern. Falls du deine Informationen bevorzugt aus dem Internet heraussuchen willst, ist es sehr empfehlenswert “Google Scholar”, welches dir bereits gefiltert akademische Texte vorschlägt, zu verwenden.
Ein weiterer großer Helfer können Universitäten sein. Sei es, indem du Professor:innen um Expertenmeinung fragst oder veröffentlichte Arbeiten (evtl. mit nahezu deiner Thematik) als Denkimpuls bzw. Orientierungshilfe verwenden kannst. Auch verleihen sie oft Preise für herausragende Seminararbeiten. Hier lohnt sich immer eine Anmeldung. Denn noch nie wurden Teilnehmende mit komplett leeren Händen zurückgelassen. Auch lernst du so immer neue Leute kennen und kannst Netzwerke mit Schüler:innen mit ähnlichen Interessen knüpfen.
Und wer weiß, vielleicht konntest du eine "ultimative Gegnerin, die Seminararbeit" bezwingen und mit ihr als "bester Freundin" Preise gewinnen und dich belohnen lassen!
Über den Autor: Kian Kramps

Hi zusammen! Ich heiße Kian, bin 19 Jahre alt und mache derzeit ein Gap Year in Mexiko. Bei Aelius bin ich ehrenamtlich aktiv, v. a. in der Arbeit an Alearnius, und im Fundraising-Bereich. Da ich selbst erst im Jahr 2024 mein Abitur geschrieben habe, will ich dir mit meinen Erfahrungen helfen, erfolgreich durch deine Schullaufbahn zu kommen und ihre verschiedenen Hürden zu meistern. Bei Fragen, Anmerkungen oder Anregungen kannst du mich gerne unter kian.kramps@aelius-foerderwerk.de anschreiben. Freue mich, von dir zu hören und viel Erfolg!
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